Nektar, oft fälschlicherweise als deutsche Krautrock-Band bezeichnet, wurde 1969 von durchweg englischen Musikern die alle bereits in den 60 er Jahren Bühnenerfahrung gesammelt hatten in Hamburg gegründet. Die Band erlangte schnell in Deutschland Aufmerksamkeit und begeisterte mit ihrer einzigartigen Kombination aus Musik und Licht. Ihre packenden Live-Shows machten sie zu einer der beeindruckendsten Bands der damaligen Szene.
1970 wurden sie von dem amerikanischen Produzenten Charlie Dreyer entdeckt, der sie nach Boston einlud, um in seinem Studio aufzunehmen. Diese ersten Aufnahmen, waren eher simpel gestrickte Hardrocknummern, darunter frühe Versionen von Songs wie Good Day und sogar eine Coverversion des Brian-Hyland Schmachtfetzens Sealed with a Kiss. Diese Sessions erwiesen sich jedoch als nicht tragfähig genug für eine Veröffentlichung.
Zurück in Deutschland, baute die Band ihre Fangemeinde weiter aus und beeindruckte 1971 den Produzenten Peter Hauke, der Nektar für sein neues Label Bacillus Records unter Vertrag nahm.
Journey to the Centre of the Eye entstand zwischen Juni und August 1971 in Dieter Dierks‘ Studio in Stommeln, Deutschland, und wurde im November des gleichen Jahres veröffentlicht. Es war ein ambitioniertes Konzeptalbum, das die Ängste vor einem nuklearen Weltkrieg thematisierte. Musikalisch bot es eine psychedelische Mischung aus melodischen und treibenden Passagen, ein einzigartiges Erlebnis, das sich mit jedem Durchgang weiter entfaltet und am besten als Gesamtwerk wirkt.

Tracklist
1. Prelude (1:27)
2. Astronauts Nightmare (6:22)
3. Countenance (3:30)
4. The Nine Lifeless Daughters of the Sun (2:41)
5. Warp Oversight (4:28)
6. The Dream Nebula (2:14)
7. The Dream Nebula Part II (2:25)
8. It’s All in the Mind (3:22)
9. Burn Out My Eyes (7:48)
10. Void of Vision (2:01)
11. Pupil of the Eye (2:46)
12. Look Inside Yourself (0:53)
13. Death of the Mind (2:52)
Kurz zur Story des Albums
PRÄLUDUM – Eine Einführung
ASTRONAUTS ALBTRAUM
Ein Astronaut verlässt die Erde auf einer Rakete, die zum Saturn fliegt, während die Welt am Rande eines nuklearen Krieges steht.
KONTAKT
Die Rakete wird von einem UFO abgefangen, dessen Besatzung die Erde seit Jahren beobachtet hat. Die Fremden sind überrascht von der kriegerischen Natur der Menschen und bieten dem Astronauten an, das Leben in ihrer Galaxie zu erleben. Er stimmt zu.
DIE NEUN LEBLOSEN TÖCHTER DER SONNE
Das Schiff verlässt das Sonnensystem und begibt sich in die Leere des Weltraums, um sich schließlich in einer anderen Galaxie wieder zu materialisieren.
WARP-ÜBERSICHT
Im Zustand ohne Zeit und Raum reist das Schiff weiter, bis es plötzlich in einer neuen Galaxie erscheint.
DER TRAUMNEBEL
Die fremde Galaxie ist wunderschön und voller atemberaubender Träume, die dem Astronauten eine unglaubliche Erkenntnis verleihen.
ALLES SPIELT SICH IM KOPF AB
Die Erkenntnisse sind so überwältigend, dass der Astronaut zusammenbricht, da er deren Unermesslichkeit nicht ertragen kann.
BRENNE MEINE AUGEN AUS
Er wünscht sich, nur noch mit seinem Verstand zu sehen, kämpft jedoch mit seinen Sinnen, um die Kontrolle zurückzuerlangen.
VORHERSAGE
Der Astronaut reist durch ein Tal und erkennt plötzlich das allsehende Auge – ein Symbol für das Universum und die Wahrheit.
PUPILLE DES AUGES
Er betritt das Auge, um das Universum zu begreifen, erkennt jedoch die schreckliche Wahrheit über die Erde und die Zerstörung, die durch Kriege verursacht wird.
SCHAU IN DICH SELBST
Der Astronaut warnt die Menschen, dass die Erde sich selbst zerstören wird, wenn sie nicht aufhören zu kämpfen.
TOD DES GEISTES
Als Warnung visualisiert er das Ende der Erde, bevor ihn sein Geist endgültig verlässt.
Das aktuelle Re-Release erscheint in einer voluminösen 6-CD-Box. Enthalten sind neben einem informativen 47- seitigen Buch mit zahlreichen Bildern mehrere Bonus-CDs, unter anderem das Originalalbum von 1971 in einer remasterten Version sowie ein neuer Stereo-Mix. Hinzu kommt eine Liveaufnahme eines Konzerts in Darmstadt vom November 1971, verteilt auf zwei CDs in Bootleg-Qualität. Wirklich interessant ist hier allenfalls eine frühe Live Version von A Tab in the Ocean, das offiziell erst 1972 erschien. Zusammen mit den ebenfalls enthaltenen Boston Tapes bieten die Bonus CD’s zwar Kontraste zum Hauptwerk, wirken in ihrer rohen, fast skizzenhaften Einfachheit jedoch eher enttäuschend. Sie bieten kaum echten Mehrwert, wirken verzichtbar und rechtfertigen den recht stolzen Preis der Box nicht.
Der wahre Schatz dieser Neuauflage und der einzig wirklich zwingende Kaufgrund ist Scheibe Nummer 6: eine Blu-ray mit einem spektakulären Surround-Mix der ausschließlich in dieser Box erhältlich ist. Und dieser Mix ist nichts weniger als eine Offenbarung. Hier schöpft man die Möglichkeiten der Mehrkanaltechnik voll aus – nicht als Spielerei, sondern als organische Erweiterung des musikalischen Kosmos. Denn Journey to the Centre of the Eye ist kein gewöhnliches Album, es ist ein psychedelischer Klangtrip durch Raum, Zeit und inneres Erleben – und es schreit geradezu nach einem solchen Format.
Die teils verstörenden, verfremdeten Klänge – verhallte Stimmen, disharmonisch kreischende Gitarren, heranrauschende Orgelwellen, flirrende elektronische Geräusche und chaotisches Schlagzeug – entziehen sich jeder Orientierung. Sie gleiten durch die Sphären, huschen aus dem Nichts heran, sausen diagonal durch den Raum und umkreisen das Ohr mit einer fast schon hypnotisierenden Präsenz. Je nach Stimmung versinkt man dabei gebannt im Sessel – oder schaukelt innerlich am Kronleuchter.
Besonders bei Warp Oversight fühlt man sich in einer unwirklichen Atmosphäre, wie auf einer wackeligen Umlaufbahn um einen fremden Planeten, mittendrin im Geschehen, während man von bedrohlichen Objekten eingekreist wird.
Stilistisch ist dieses Werk in seiner Struktur und Atmosphäre den frühen Pink Floyd nahe – jener experimentellen Phase um A Saucerful of Secrets, Ummagumma oder Atom Heart Mother, in der Musik noch Raumfahrt war, innerlich wie äußerlich. Dass Nektar dafür oft belächelt oder gar kritisiert wurden, sie würden eine Musik machen, deren Zeit längst abgelaufen sei, verkennt die visionäre Kraft und emotionale Tiefe dieses Albums. Journey to the Centre of the Eye ist nicht retrospektiv – es ist seiner Zeit voraus gewesen, als Mehrkanalton fürs Wohnzimmer noch eine Vision war. Und dieser Surround-Mix bringt es endlich dorthin, wo es immer schon hingehörte: in die Schwerelosigkeit eines musikalischen Universums, das keine Richtung kennt – nur Wirkung.
Musiker
Roye Albrighton / guitars, vocals
Allan „Taff“ Freeman / Mellotron, pianos, organ, vocals
Derek „Mo“ Moore / bass, Mellotron, vocals
Ron Howden / drums & percussion
mit Dieter Dierks / piano, co-producer
Artwork: Ernst Steingässer
